Schluchtengehen im Januar.

 

Zwei Wochen vor dem geplanten Termin schickt Helmi eine Rundmail an alle Interessierten „Wetter und Bedingungen passen, die Tour findet statt“.
Der Kampf mit meinem inneren Schweinehund dauert eine ganze Woche. .....
 
  

 ..... 

Einerseits schwärmen Anke und Martin immer noch vom letzten DCV Wintercanyoning vor drei Jahren, andererseits male ich mir besorgniserregende Szenarien aus:Riesige Eiszapfen begraben uns unter sich, Haken bleiben unter Schneemassen unauffindbar, ohne Halt schlittern wir auf Abbruchkanten zu, Seile vereisen beim Abseilen – es gibt kein vor und zurück mehr, wir brechen durch das Eis zugefrorener Gumpen…

Eine Woche noch – der Countdown läuft. Meine Abstellkammer wird auf den Kopf gestellt bei der Suche nach meinen Steigeisen. Irgendwie sind meine five-tens breiter als meine Bergschuhe. Das passt hinten und vorne nicht. Auch Gewaltanwendung mit der Rohrzange bringt kein zufriedenstellendes Ergebnis. Artur hilft mir aus der Klemme - er findet zwei Schrauben, an denen sich Breiten und Länge ganz wie von selbst mit dem passenden Werkzeug einstellen lassen ;-). Jetzt gibt’s wirklich keine Ausrede mehr!

Noch 5 Tage – auf der Anmeldeliste stehen nur drei Personen: Dietmar, Christian und Helmi. Das ist für mein Empfinden definitiv zu wenig für ein solches Unternehmen. Hatten nicht Eddy, Anke und Martin auch angekündigt dabei zu sein? Schnell werden drei Mails abgeschickt. Eddy antwortet sofort – ich bin wieder ein bisschen beruhigt und melde mich nun endgültig auch bei Helmi an.

Noch 4 Tage - meine Angehörigen und Freunde erklären uns für verrückt und prophezeien Erfrierungen, Lungenentzündung und den Kampf ums Überleben. Immerhin stellen sie sich für eine Notfall – Hotline zur Verfügung.

Noch 3 Tage – der Wetterbericht wird mindestens zweimal täglich gecheckt. Sieht erst mal nicht so schlecht aus, aber was ist jetzt günstig für unser Vorhaben? Mordskälte – dann wird das Eis vielleicht stabiler oder Temperaturen knapp unter null Grad – dann frieren wir vielleicht nicht ganz so schlimm. Noch 2 Tage – Anke und Martin sagen endgültig zu. Wir telefonieren lange, um die optimale Ausrüstung zu besprechen. Eins ist klar, ohne Frieren geht’s nicht. Kommt darauf an, wie aquatisch die ganze Sache wird.

Noch ein Tag – frühmorgens schon werden alle Schränke durchwühlt auf der Suche nach meiner über den Winter eingelagerten Canyoningausrüstung. Zu meiner großen Freude finde ich einen in Vergessenheit geratenen Shorty, nagelneue Neoprenhandschuhe und 7.5 mm Neosocken. Die Anprobe dauert eine Stunde: Shorty unter oder über den Long John? Passt der Schlaz noch drüber? Vielleicht noch eine Thermounterwäsche drunter? Passen die dicken Socken in die Schuhe? Unter die Neohandschuhe vielleicht noch dünne Wollhandschuhe? Mütze, Neokappe oder Kapuze? Bei dieser Aktion wird mir so heiß, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals im Canyon zu frieren.

Dann muss die Ausrüstung verpackt werden. Ein Extrasatz Haken wandert in die Tonne, mehre Wärmekissen, Unmengen Schokolade, Stirnlampe, wasserdichte Spülhandschuhe. Ein Problem stellen die Steigeisen dar – die Zacken sind so scharf, dass man sie nicht einfach ohne Schutz in den Schleifsack werfen kann. Die Entscheidung für das passende Seil ist schnell getroffen: Ich hoffe, dass sich mein Canyonseil nicht so schnell vollsaugt wie meine übrigen Statikseile. Schließlich noch das Equipment, das auf unsere Rückkehr im Auto wartet: Daunenjacke, Fleece-Unterwäsche, Daunenhandschuhe, Thermoskanne und drei Paar Socken.

Den Abend verbringe ich beim Nachtrodeln am Garmischer Hausberg. Vor lauter Spaß und Geschwindigkeitsrausch dort bleibt zum Glück keine Zeit, mir über den nächsten Tag noch Gedanken zu machen. Samstag – draußen graue Wolkensuppe, ein eisiger Wind pfeift, das Thermometer zeigt minus 6 Grad. Nicht gerade einladend!

Trotzdem finden sich alle am vereinbarten Treffpunkt ein. Zu meiner Freude ist Ingrid auch mit dabei. Gerhard undDietmar sind sogar extra aus Essligen angereist. Wie angekündigt möchte Helmi die Bergleine im Winter erstbegehen. In der Leutasch angekommen muss erst mal das Parkproblem gelöst werden: Wo sich im Sommer das Auto einfach neben der Straße abstellen lässt, türmt sich der Schnee auf. Helmi überzeugt den Besitzer des nahen Bauernhofs, seinen Vorplatz zum Parken zur Verfügung zu stellen.

Fünfzig Meter von uns entfernt gleiten die Langläufer über die Loipe. Der beißende Wind lässt uns waghalsige Umziehaktionen in den Autos vollbringen. Jeder gibt seine Anti-Frier-Tipps zum Besten. Am Ende sehen wir alle aus wie in zu enge Wurstpellen gepresst, und genauso fühlen wir uns auch. Wir können uns nur noch schwerfällig bewegen. Leider ist uns beim Umziehen diesmal nicht wirklich warm geworden. Schlotternd stehen wir vor dem Bauernhof und Helmi versucht geduldig dem Besitzer zu erklären, was der Sinn des Ganzen ist. Schnell noch ein Gruppenfoto und wir stapfen los.

Eine alte Traktorspur auf dem Forstweg erleichtert uns die ersten Meter. Wir sind ganz euphorisch, wenn das so weitergeht, dann ist der Zustieg ein Kinderspiel. Leider endet die Spur abrupt nach 300 Metern und ab jetzt ist Spuren im Bruchharsch angesagt. Bald schon gebe ich die Führung ab und sehe schwarz für unser Unternehmen. Der Schnee ist knietief, immer wieder bricht man durch den Harschdeckel und muss sich mühsam aus den tiefen Löchern heraus arbeiten. Unterwegs diskutieren wir mehrmals über unser weiteres Vorgehen.

Die „Erstbegehungs-Fraktion“ drängt weiter, der Rest ist einverstanden, soweit sie nicht zum Spuren herangezogen werden. Bald schon versperrt ein gigantischer Lawinenkegel den Weiterweg. Ungefähr an dieser Stelle muss sich der Ausstieg befinden. Eddy weicht unterhalb in den Bachlauf aus. Er scheitert bei dem Versuch, sich durch hüfttiefen Schnee den Hang hinaufzuarbeiten. So geht es nicht weiter!

Für die Strecke, die man normalerweise in 10 Minuten schafft, haben wir eine ganze Stunde gebraucht. Und der eigentliche Anstieg kommt erst noch. Die Zeit beginnt zu drängen und alle stimmen nun für die Umkehr. Selbst der Rückweg in unserer eigenen Spur ist noch anstrengend genug. Dafür ist uns jetzt wenigstens ordentlich warm.

In voller Montur steuern wir unsere Autos zum Seinsbach-Ausstieg. Der Anblick des geräumten Weges zum Zustieg ist eine wahre Freude. Vollkommen mühelos spazieren wir in einer Viertelstunde bequem zur Brücke. Dort beginnt erneut die Ausrüstungsdebatte: Steigeisen jetzt oder später, Grödeln oder mit blanken Sohlen, Mütze oder Kapuze unter den Helm? Der Seinsbach hat für die Jahreszeit unerwartet viel Wasser.

Anfangs versuchen wir über die Steine am Rand auszuweichen, aber die sind von einem Eispanzer überzogen und es stellt sich heraus, dass der sicherste Weg durchs Wasser führt. Bald schon an den ersten Stufen gibt es sowieso keine andere Möglichkeit mehr – wir müssen mitten durch den Strahl und die Nässe bahnt sich ihren Weg durch unzählige Neoschichten.

Belohnt werden wir mit den bizzarsten Eisskulpturen, die in den Bach hineinragen, Kaskaden von Eiszapfen flankieren unseren Weg, Eishöhlen tun sich auf. Wir kommen aus dem Staunen und Fotografieren gar nicht mehr raus. Ein Highlight ist ein vereister Baumstamm, auf dem wir mit rasanter Geschwindigkeit in den nächsten Gumpen rutschen. Eddy verliert schon im oberen Teil das Gleichgewicht und platscht kopfüber ins tiefe Becken.

Wer den Schaden hat… Die erste Abseilstelle ist recht gut zu erreichen und stellt kein Problem dar. An der Zweiten dann ist das Führungsseil in einen riesigen Eiszapfen eingefroren. Mit einer langen Selbstsicherung lässt sich die Situation meistern. Von dieser Stelle aus sieht man das vollkommen verrottete Führungsseil zum dritten Stand. Um das zu erreichen müsste man außerdem auf vereistem Fels hoch ansteigen. Ich bin froh, dass ich nicht die Erste bin und warte in sicherer Position gespannt ab. Die Lösung ist dann ganz einfach: Rechts oben gibt’s einen zweiten Standplatz. Der Absatz unterhalb ist zugeschneit, aber nicht besonders glatt.

Die Jungs hängen das Seil problemlos ein. Beim Abseilen selber geht’s dann über zugeeiste Wände. Wir eiern ein bisschen rum, um nicht zuviel Eis loszutreten. Unten sind die verschiedensten mehr oder weniger erfolgreichen
Manöver zu beobachten, der Dusche durch den Strahl zu entgehen. Es dauert eine ganze Weile, bis alle unten ankommen.

Mittlerweile ist unsere komplette Ausrüstung vereist. Das Öffnen der Karabiner wird zunehmend schwieriger, der Verschluss am Schleifsack ist eingefroren, die Neokapuze ist steif wie ein Brett. Jetzt kriecht die Kälte langsam durch Mark und Bein. Füße und Hände sind schon komplett taub. Zum Glück naht das Ende. Wir feuern Dietmar an, der mehrmals einen Wettlauf gegen seinen Selbstauslöser antritt, um noch ein paar schöne Gruppenfotos vor dem hohen Wasserfall zu machen. Vergeblich versuchen wir, die Handwärmer zu aktivieren, die Helmi an jeden von uns vorher verteilt hat.

Im Eiltempo geht’s dann zurück zum Parkplatz. Rasch werden “we survived“-SMS abgeschickt. Eddy gibt ein amüsantes Bild ab, als er beim Umziehen vor einer eingeschneiten Almhütte in der Badehose herumturnt. Wir anderen stellen uns einfach in den Schnee und reißen uns das nasse Zeug vom Leib. Vorübergehenden Spaziergängern ist an den Gesichtern abzulesen, dass sie rätseln, was da wohl vor sich geht.

Gerhard ist der mit Abstand Härteste von uns: Er reibt sich tatsächlich von oben bis unten mit Schnee ab! Anke verteilt heißen Kaffee, der aber zuerst mal zum Händewärmen herhalten muss. Der Kuchen dazu wird netterweise von Dietmar beigesteuert. Leider muss Christian sofort los um ein Volleyballspiel zu gewinnen.

Der Rest des Teams landet in Wallgau im Cafe wärmt sich mit heißer Schokolade und Kaiserschmarrn auf. Ausnahmslos alle schwärmen von der Tour. Trotzdem beschäftigt uns noch der gescheiterte Versuch an der Bergleine. Beim nächsten Anlauf sind die Schneeschuhe mit dabei! Auf der Heimfahrt gibt die Sitzheizung alles, was sie kann.

Meine Füße erreichen vor den Heizungssschlitzen endlich wieder eine erträgliche Temperatur. Trotzdem landet beim Auspacken außer der immer noch gefrorenen Ausrüstung ein ganzer Haufen Schnee in meiner Badewanne. Wenig später beschließen Anke und ich am Telefon, dass wir auch im nächsten Jahr wieder dabei sein werden.

Baja Hilger

- Vielen Dank an Martin Pahl, der das Eischluchteln gefilmt hat. https://vimeo.com/120583624