Freitag, 22.08.03 23.00 Uhr: 
Nach vier Stunden Autofahrt mit kaputtem Autoradio waren wir im Tessin und auf der Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. Alles kein Problem denn Werner wusste zwei Möglichkeiten. Wir hatten uns für die mit weniger Aufwand entschieden. Und jetzt sollte ich diese enge und schlechte Straße auf irgendeinen Hügel hoch fahren. In jeder Kurve verkündete Werner, dass jetzt der ruhige Platz käme. Und dann fuhren wir wieder in ein Schlagloch. Hatte ich doch meiner Frau versprechen müssen, Ihr Auto schonend zu behandeln. Schlussmachen kann Sie ja nun nicht mehr, tröstete ich mich. Doch Werner versprach nicht zu viel. Ein schöner Platz, sternenklare Nacht, warme Luft, im Tal die Lichter der Autobahn und Sandras warmes Dosenbier. Alles war gut. Bis um 7 Uhr: ein Betonauto kam zum Rangieren vorbeigefahren, kurze Zeit später landete ein Hubschrauber....

Wir hatten uns vorgenommen auf dem Weg in die Seealpen im Tessin einen "Zwischencanyon" zu gehen. Die schönen Titelaufnahmen in dem Schweizer Canyoningführer ließen uns zur Nala fahren. Die Beschreibung zu diesem Canyon fanden wir allerdings unter www.nizzola.ch. Wir parkten auf dem kleinen Dorfparkplatz und gingen auf der orthografisch rechten Seite des Canyons durch die Gärten hoch. Man passiert dabei ein Kreuz aus Edelstahl mit der Inschrift: Canyoning 2001. Vor zwei Jahren wurde vom Kraftwerkbetreiber oberhalb des Canyons Wasser abgelassen. Die Canyoninsten hatten wohl keine Chance. Seid dieser Zeit hat man sich mit den Kraftwerkbetreibern geeinigt, am Tag keine Spülungen mehr durchzuführen. Es empfiehlt sich aber wie bei allen Canyons mit Wasserfassung, die Kraftwerkbetreiber über die Tour zu informieren.

Vor oder nach einer Passage, welche mit Stahlseil versichert ist, kann man zum unteren Teil des Canyons einsteigen. Problemlose Abseilstellen und Gumpen mit herrlichem Wasser erwarteten uns, bis wir vor diesem 50m-Wasserfall standen. Bei zu heftigem Wasserstand sollte man hier lieber (problemlos) aussteigen. Man seilt permanent im Wasserstrahl ab und landet unten in einem relativ kleinen Becken. Am Ende gab es noch mehrere Möglichkeiten zum Sprung in grosse, einladend grünbläulich schimmernde Becken. Der letzte (schätzungsweise 8 Meter hohe Sprung) endete in einem bei den Dorfbewohnern stark frequentierten Badegumpen. Ein Junge in Badehose zeigte uns dann wie man von ganz weit oben einen 18m-Sprung hinlegt.

Seealpen
Treffpunkt war der kleine Campingplatz im Vesubietal bei Le Suquet. Den erreichten wir dann auch nach ewiger Fahrt durch die Berge von Frankreich.
Es war schon 20.30 Uhr, als mich an der Kette der Campingplatzeinfahrt ein Junge begrüßte: "Sind Sie der Peter ? - Wir warten schon alle!" Alle? Waltraudt und Thomas, Familie Hofmann (Eberhardt, Ingrid, Tim und Alicia), Martin und Renate, Birgit, Bernd Nagel mit Sohn Dario. Als letztes ankommen! So gehört sich das für Organisatoren! (Wobei Werner auf dem Rücksitz deutlich nach uns auf dem Campingplatz ankam.)

Schnell begrüßte ich noch meinen Freund Jean-Claude, den Campingplatzbesitzer, mit dem ich schon zwei Sommerurlaube über tausend Sachen philosophiert habe, die mein französischer Wortschatz eigentlich gar nicht hergeben. Sichtlich freute er sich. Hatte sein Campingplatz doch endlich mal ein paar Besucher. Anmelden, alle begrüßen, Zelt aufbauen, kochen (lassen), ein warmes "Sandrabier", etliche kalte DAB von Bernd, viel Blabla und ab in den Schlafsack. 

Am nächsten Morgen dämmerte es mir so langsam... Bernd und sein 10jähriger Sohn Dario hatten sich noch nie abgeseilt..... ob das gut geht? Schnell bauten wir deren Energycas zusammen und fuhren alle zur Bollène. Trotz der Trockenheit floss hier ausreichend Wasser, kleine Sprünge, Schwimm- und Laufstrecken wechselten sich ab und schnell erreichten wir die beiden riesigen Rutschen. Vor uns war eine französische Gruppe, die wie selbstverständlich die fast senkrechte Wand herunterrutschten. Sandra und Martin setzten zum Rutschen an, doch im letzten Moment siegte die Angst und sie entschieden sich für einen waghalsigen Sprung. Dario seilte sich vorsichtig ab und der Rest raste mir folgend mit gigantischer Geschwindigkeit an der steilen Wand ins tiefe Wasser. Die nächsten Rutsche war dann nicht ohne weiteres einzusehen, aber Sandra konnte die Schmach der ersten Rutsche nicht auf sich sitzen lassen. Und weg war sie! Und alle folgten dieses Mal. Auch unsere Anfänger - vielleicht hätte man Bernd vorher unterrichten sollen, dass man besser ohne seinen Sohn zwischen den Beinen rutscht. Aber Dario lachte nach seinem Bauchplatscher schnell wieder. Und so lernten die beiden auf dem Rest der Tour noch das Abseilen und waren für die weiteren Canyons gut vorbereitet. 

Am nächsten Tag stand eigentlich der Aiglun auf dem Programm, doch das Wetter sah eher nach Regen aus. So entschieden wir uns für den Peira. Kurze Anfahrt, hohe Abseiler und wenig Wasser. Nach einer Stunde Anmarsch ließ der Einstieg nichts Gutes hoffen. Ein fürchterlicher Gestank nach Aas und kaum fließendes Wasser. Nach einer kurzen Bachbettwanderung änderte sich das Bild glücklicherweise völlig. Schöne Gumpen mit frischen Wasser und herrlicher Aussicht machten den Abstieg zu einem schönen Erlebnis. Drei schöne 60m-Abseiler ließen dann noch ein wenig Spannung aufkommen. Abends erreichten uns noch Wolfgang, Thorsten und vor allem schönes Wetter.
So konnten wir am nächsten Tag den Aiglun angehen. Und die Schönheit des Aiglun sollte sehr auf die Probe gestellt werden. Großformatiges Naturschauspiel gegen 40km Anfahrt und 20km Auto versetzen. Selbst Thorstens Gummibärchen konnten mir keine positive Energie mehr geben. Der Rückweg im Auto nebelte uns dann erneut so ein, dass wir uns am nächsten Tag gleich noch mal für diese Strecke entschieden.
Der schönste Canyon Frankreichs war angesagt. In zwei Gruppen zogen wir nun durch das trübe Wasser des Riolan. Mit jeder Engstelle, jedem Abseiler wurde eine Kurve des Anwegs aufgewogen und am Ende sollte der Riolan das Rennen gewinnen. Aber ob er den Titel "schönster Canyon in Frankreich" verdient hat? Und dieser Tag schädigte uns alle: während Dario Schlammschlachten herausforderte, bereiteten Tim und Alica auf dem Rest der Reise ganze Menüs aus selbigem zu.

Und wir Erwachsenen hatten alle das Fahren satt. Sandra sogar so sehr, dass sie sich für den Bagnolar begeistern ließ. So teilten wir die Gruppen für den nächsten Tag ein: Eberhardt, Thorsten, Sandra und ich den Brackwassercanyon; der Rest zum Challandre. Ein sehr schöner Tag. Der Bagnolar hätte auch fast den Riolan getoppt, wären da nicht die Stellen gewesen, die heftigts nach faulen Eiern stanken. Leider waren das genau die Stellen, die im Topo als Schwimm bzw. Sprungstellen eingetragen sind.
Und während wir abends Stunden unter der Dusche standen, schwärmte der Rest vom Challandre als einem der schönsten Canyons mit rotem Schiefergestein.
Am nächsten Tag verließen wir das Vesubietal, um abends unsere Zelte im Royatal aufzustellen. Thorsten, Wolfgang und Ingrid begingen noch die Bollène, während wir anderen den Cramassouri auswählten: Kurz, Sprünge statt Abseiler, keine Laufstrecken und sauberes Wasser - gerade richtig um das Bagnolarwasser auszuspülen. Die letzte Rutsche gefiel uns so gut, dass wir gleich noch mal am Seil hochsteigen wollten. Tolle Idee - leider waren schon alle Seile heruntergeworfen worden.

Danach ging es dann zu unserem neuen Campingplatz in Fontan im Tal der Roya. Ein sehr schön gelegener Platz direkt am Fluss, nur die Toiletten und Duschen....? Die Nacht war kühler und in einigen Hälsen kratzte es schon. Martin und Renate verkündeten am Morgen, dass sie krank seien und heute aussetzen würden. Ein bisschen Neid kam in mir auf. So ein Pausentag mit Kaffee hätte mir auch nicht schlecht gefallen, aber auf die Maglia zu verzichten ging auf keinen Fall. Durch das Aussetzen der beiden kamen auch Hofmanns in den Genuss eine Betreuung für Tim zu haben und wir konnten uns alle von Martin mit Wolfgangs Bus taxieren lassen.

Und schon standen wir im Getümmel der Magliacanyonisten. Kaltes Wasser, Rutschen, eine Unzahl von Sprüngen zwischen 5 und 9 Metern, die herrliche Grotte zum Staunen und Frieren, Schwimmstellen und das ganze von nur 3 Abseilstellen unterbrochen...... Was soll man dazu noch sagen? Am Campingplatz brach nach unserer Rückkehr Abreisestimmung auf (obwohl Bernd noch ausreichend Bier dabei hatte). Martin, Renate und Birgit sowie Wolfgang und Thorsten mussten uns verlassen. Für den letzten Tag nahmen wir uns den Carleva vor.

Selbst Dario ließ sich von dem zweistündigen Anweg nicht abschrecken. Ein eher offener Canyon, in dem sich trockene Stellen mit fließenden Wasser abwechseln. Es sind einige sehr hohe Sprünge möglich und im letzten Bereich der Tour trifft man auf etliche hohe Rutschen. Werners Aussage beschreibt den Canyon vorzüglich: Wer hier nicht springt, ist im falschen Bach. (Sandra und ich genossen die Tour aber auch so). Am Abend gingen wir noch abschließend wie in Frankreich üblich Pizza essen. Die Gesichter sahen alle nicht mehr so fit aus und der leichte Regen am nächsten Tag machte uns das Abreisen leichter. Wie schnell man auf einmal wieder im kalten Deutschland steht.

Danke an alle für die schöne Woche. - Sandra Rauch / Peter Lechner -