1. Internationales Canyoningtreffen in der Schweiz

Tagsüber gemeinsam durch die tief ein-geschnittenen Wasserwunderwelten der Region streifen und die schönsten Lichtspiele im blau-türkisen Wasser auf der Speicherkarte mitnehmen.

Abends die Canyoningkollegen von ne-enan wie dem anderen Ende Europas (oder vielleicht von noch weiter?) persönlich kennen lernen, die unglaublichsten Geschichten zum Besten geben, die Bildpräsentationen der grossen Neutouren 2011 geniessen, die eindrücklichsten Videoclips aus wilden Wasser in engster Tiefe bestaunen, brandaktuelle Themen rund um unseren Sport diskutieren.

„07. - 09.10.2011 ist nach aller Erfahrung wieder Saison für Segnes, Flem und Co; Sonnenschein, die passenden Temperaturen für geeignete Wasserstände und goldene Herbstfarben sind reserviert“. So lautetet die Einladung zum 1. Interna-tionalen Canyoningtreffen in der Schweiz.

Es wurde organisert von Timo Stammwitz, Buchautor des Canyoningführers Graubünden: Grand Canyons. Da es in der Schweiz keinen Canyoningverband gibt, hatte er über den DCV eingeladen und im Forum www.descentecanyon.com

Angemeldet waren über 50 Canyonisten; doch nach drei Wochen strahlend blauem Sonnenschein war genau für dieses Wochenende der große Wetterumschwung vorhergesagt; und so kam es, dass aus dem geplanten großen Treffen ein familiäres Zusammensein wurde.

Als Michael und ich im Casa Selva im kleinen Ferienort Trins bei Flims ankommen wartet schon die örtliche Presse, der  lokale Tourismuschef , Timo und DCV Mitglied Stephan aus Tübingen auf uns. Das Käsefondue schmeckt köstlich und der vom Verkehrsverein gesponserte Weißwein hervorragend. Mit etwas Verspätung trifft dann noch eine Gruppe Schweizer ein.

Bettina, Benoit Sottaz, Frederic Bertrisey (Verfasser des SAC Führers Canyoning-Touren Schweiz) und Jean-Francois Delhom, genannt Jeff. Als Fotograf bereist er seit fünf Jahren die Schluchten der Welt um irgendwann die besten Fotos in einem Bildband zu präsentieren. Beignavegni, Bienvenue, Bienvenuti, Welcome, Will-kommen, heißt es im weiteren Verlauf des Abends beim beeindruckenden Vor-rag von Timo. Als Bauleiter des Gotthardtunnels kennt er sich mit Gesteinsschichtungen aus.

Und so erklärt er die geologischen Besonderheiten. Die Region wurde als Unesco Weltnaturerbe anerkannt. Tektonikarena Sardona ist ein weltweit einzigartiges Musterbeispiel für Gebirgsbildung. Auf jüngerem Gestein liegt älteres Gestein wodurch sich besonders seltene Gesteins-formationen ergeben. Das Präsentieren wunderschöner Fotos von der heimischen Gebirgswelt, von den der Tschingelhörnern über Geltschermühlen, des Ausblicks vom über 3000 m hohen Ringelspitz ist ein Auftakt zu den umfang-eichen Erläuterungen, die dann folgen.

Mithilfe von Kartenausschnitten, Googleearthaufnahmen und zahlreichen Fotos werden mit Schweizer Präzision die Canyons der Gegend beschrieben. Fangen wir an mit der Turnigla, deren Begehung im Moment nicht erlaubt ist. Timo bittet sich an die Beschränkung zu halten, da an ei-ner einvernehmlichen Lösung gearbeitet wird und es sowieso sooo viele andere schöne Canyons gibt.

Da sind Schluchten, die so eng sind dass man mit dem Rucksack hängenbleibt, und die man nicht mal in Googleearth erkennen kann; andere zu denen man bequem mit der Seilbahn hinaufschwebt; und wieder andere die alpine Zustiege haben. Badecanyons, bei denen der Neo zuhause bleibt, Bäche die in anspruchsvolle Canyons mit bis zu 85 Meter hohen Wasserfällen und wasserreiche Schluchten mit starkem "Kreisverkehr" bei denen man "aufpassen muss". Die meisten der Canyons hat Timo mit Kollegen im Sommer 2011 erstbegangen.

Nicht nur seine geologischen Kenntnisse sondern auch seine sportliche Leistung ist beeindruckend. Im Anschluss werden mithilfe von Topokarten Pläne für die Samstagstour geschmiedet, die wir als schweizer-deutsches Team begehen wollen. Timo selbst hat eine Erstbegehung vor, zusammen mit Wahlitaliener Pascal von Duin, dessen Buch Canyoning in Lombardia wohl vielen Canyonisten ein Begriff sein dürfte.

Regen und leichter Schneefall dann am nächsten Morgen. Die Wettervorhersage hat gestimmt. Spät nachts sind noch Canyoningguide Jörg mit Freundin Rieke eingetroffen. Die beiden schlagen vor ins warme Tessin zu fahren. Während die Schweizer eine Winterwanderung am Bernhardinopass entlang eines Canyons machen um sich danach im Mineralbad Andeer wieder aufzuwärmen und Pascal und Timo ihre Erstbegehung im Schnee durchziehen, sind wir fünf Deutsche echte Warmduscher:) und machen den Cres-ciano.

Der geht immer. Wir sind die einzigen in der Schlucht und genießen die Einsamkeit. Springen und Rutschen an einem milden Herbsttag, sogar die Sonne lässt sich blicken. Ein schöner Abschluss der Canyoningsaison. Beim Rückweg sammeln wir Esskastanien in der Tonne, die zuhause doppelt lecker schmecken.

Im dichten Schneetreiben erreichen wir Trins. Statt Grillabend im Freien heißt es Schneeballschlacht und Schneemann bauen.

Beim opulenten Mahl in der guten Stube wird in bester Stimmung dreisprachig übers Canyoning im allgemeinen diskutiert. Auch Julien, Vertreter unter anderem von Vade Retro aus Österreich ist inzwischen eingetroffen. Er klärt uns auf was Neopren eigentlich ist und dass das Yamamoto Neopren das seine Firma verwendet besonders dehnbar ist, so dass bei Longjohns auf Reißverschlüsse verzichtet werden kann. Wir bestaunen den neuen Guidanzug mit querem "Pieselreißverschluss" und den Anzug für Retter in der Signalfarbe: müllmann-orange. Auf großes Interesse stößt auch ein robuster Trockenanzug. Für einen Kälteeinsatz sicher zu empfehlen, ebenfalls für Menschen die allergisch auf Neopren reagieren. Den Tipp unbedingt Neoprensocken in einen Trocki anzuziehen dass die den Schweiß aufnehmen und dann dadurch die Füße warmhalten, geben wir hiermit gerne weiter.

Für Eltern oder Veranstalter interessant ist ein kleiner Gurt, der statt Schnallen einen festen Gummizug hat und in der Form wohl in Frankreich schon länger in Kletterhallen im Einsatz ist. Der neue Rucksack von Resurgence kann punkten mit seinem getrennten Fach für die Tonne und findet gleich einen Käufer.

Zum Abschluss eines langen Tages zeigt Pascal uns noch einen abenteuerlichen Film über seine Erstbegehung eines Canyons unterhalb der Eigernordwand der teilweise unterirdisch verläuft.

Am nächsten Morgen ist die Landschaft weiß verschneit. Es ist sicher ein Erlebnis bei Pulverschnee in einen Canyon einzusteigen und die Schweizer lassen sich motivieren einen neuen Canyon einzubohren. Da die Tour entgegengesetzt unseres Heimwegs liegt haben wir eine gute Ausrede diesen nach einem ausgiebigen Sonntagsfrühstück direkt anzutreten. Gut, dass wir schon die Winterreifen aufgezogen haben.

Fazit: ein interessantes Wochenende mit netten Leuten und immerhin einem kleinen Canyon, bleibt zu hoffen, dass es im kommenden Jahr eine Wiederholung gibt mit besseren Wetteraussichten. Die Canyons Graubündens sind sicher eine Reise wert. Infos und schöne Fotos unter: www.grandcanyons.ch - Elke Oßwald -