Tag Null des Internationalen Canyoning-Treffens 2011 in Nepal, des ersten Schluch ten-Treffens überhaupt in Asien, beginnt für mich um halb sechs Uhr morgens im „Tradition-Hotel“ in Kathmandus Touristen-Viertel Thamel. An der schmalen Straße vor dem Hotel ziehen die ersten Händler die schmutziggrauen Blechrollos vor ihren winzigen Läden hoch. Im Halbdunkel legt ein Metzger große, blutige Fleischstücke auf einen Holztisch, die Axt zum Zerteilen hängt griffbereit daneben. Ich schleife mein Dank der großzügigen Freigepäckregelung von Oman Air recht umfangreiches Gepäck vom fünften Stock in die Hotel-Lobby: Seesack, Canyoning-Sack und ein „kleiner“ 10-Kilo-Tages-rucksack, alles zusammen fast 39 Kilo. Bald wird Rajendra von der nepalesischen Canyoning-Vereinigung NCA (Nepal Canyoning Association) kommen und meinen Gepäckberg auf die Sitzbank einer Fahrrad-Rikscha wuchten. Wir werden ins Marsyangdi-Hotel ein paar Straßen weiter laufen, Tee trinken und Rajendra wird unentwegt „Hello“ in sein iPhone rufen, weil fast 100 Franzosen, ein Dutzend Amerikaner, zwei Mexikaner, acht Griechen und zwei Hände voll Italiener heute noch nach Syange wollen.

„We are lucky we’ve got flower power“, tönt Jane aus Salt Lake City/ Utah, dünne, weißblonde Haare, drahtige Figur und dabei schon gute 60 Jahre alt, drei Stunden später durch den Bus. Die Knie angezogen, die Tagesrucksäcke zwischen uns geklemmt, hocken wir uns schon einmal warm, nötig ist das nicht, weil wir noch immer in Thamel /Kathmandu stehen. Luis und Choy aus Mexiko, die 30 Stunden rund um die Welt geflogen sind, um nach Nepal zu kommen, schwärmen vom Matacanes-Canyon in Mexiko, der älteste Teilnehmer des Treffens, ein Franzose mit Mitte Siebzig, erzählt von seiner Enkeltochter und Jane tönt unentwegt, von Canyons, Utah, den Flugverbindungen mit Seattle, wo ihre Tochter lebt, den Blumenbildern und bunten Häkeldeckchen, mit denen unser Bus geschmückt ist.

Um acht Uhr abends dieses Tages Null kommen wir endlich in Syange an. Der Hintern tut weh vom Holpern auf der Piste, die von Besi Sahar, dem letzten Ort mit geteerter Straße, unendlich lange Kilometer ins Marsyangdi-Tal führt. Die Knie sind taub, ich denke über Thrombosen nach. Wir müssten jetzt noch 20 Minuten den Berg hinauflaufen, sagt ein Nepalese. Ich halte das zuerst für einen Witz. Doch dann stolpern wir mit unserem Gepäck durchs Dorf, vorbei an kaum mehr als einer Hand voll Häuser, die fast alle auch eine „Lodge“, ein Quartier für Touristen, sind. Im Dunkeln geht es auf eine Fußgänger-Hängebrücke, die mit Stahlseilen befestigt über dem tosenden Marsyangdi schaukelt. Ich versuche meine Säcke hinüber zu bugsieren und mich einigermaßen im Gleichgewicht zu halten, was natürlich kaum gelingt und meine sowieso schon etwas strapazierte Laune in den Keller stürzen lässt. Ich beschließe nach der Brücke die Gentleman-Qualitäten unserer Gastgeber zu testen.

Coca Cola oder Raindu Khola heißt es am nächsten Morgen, und wir entscheiden uns natürlich für die Khola, die Schlucht. Doch erstmal serviert Mangal, ein schmächtiger Junge mit schwarzen Augen und dunkelblau gestreiftem Fußballtrikot, unser Frühstück. Wir sitzen auf Plastikstühlen vor der „Rain-bow Lodge“ in Ghermu, dem ersten Dorf auf einer natürlichen Terrasse oberhalb von Syange. Gegenüber auf der anderen Talseite stürzen die Wassermassen der Syange Khola ins Tal. Wir haben Logenplätze mit Blick auf 130 und 90 Meter „Free Falling“. Dazu gibt es Milk Coffee, in Fett gebackenes Tibetan Bread und Pancakes. Teller für Teller, Tasse nach Tasse bringt Mangal einzeln aus der Küche. Dort läuft das Frühstückmachen mit zwei Gasflammen auf Hochtouren. Jedes Brot wird frisch gebacken, jeder Apfel extra geschnippelt, die Pfefferminzblätter für den „Mint Tea“ noch schnell im Garten gerupft.

Der Weg zur Raindu Khola ist vorbildlich mit Pfeilen markiert. Überall laufen uns Kinder entgegen, sie lachen, rufen laut „Namaste“ – mit endloser Betonung auf dem „e“ –, was hallo und tschüss in einem heißt. Neugierig beobachten sie, wie wir uns am Einstieg umziehen, das Seil einhängen, den ersten Abseiler im glatt polierten Gneiss hinunter-seilen und wie uns mittendrin das Wasser ins Genick schießt. Einige kleine Stufen und drei höhere Wasserfälle erwarten uns: 48 Meter, 30 und noch ein 65er zum Schluss. Technisch ohne besondere Schwierigkeiten, dafür richtig nass, mit schönen Gesteinsfor-mationen, viel Farnen und Bambus drum-herum und immer wieder tollen Ausblicken auf Reisterrassen und das Marsyangdi-Tal.

Am Tag zwei des Internationalen Treffens wird alles etwas offizieller. Unten am Fluß-ufer, zwischen Syange und unserem „Hochquartier“ in Ghermu wird ein Festzelt aufgebaut. Es gibt Listen, in die sich die Gruppen ein- und austragen, Topos sowie ein Lunchpaket mit gekochtem Ei und lose in eine Plastiktüte hinein gelegten Pommes. Freiwillige Helfer markieren die Anstiege, die noch nicht gekennzeichnet sind. Wir machen uns auf zur Sansapu Khola, einem schönen Granit-Canyon, der sich am besten in zwei Etappen begehen lässt. Immer weiter stei-gen wir den Hang hinauf, von einer Markie-rung ist nichts zu sehen. Im Dorf Sansapu fragen wir Einheimische, eine Frau, die mit ihrem Webstuhl auf der Erde sitzt, Mädchen, die am Dorfbrunnen Wäsche waschen, den alten Mann mit Baby auf dem Rücken. Alle wissen wo die Schlucht ist, aber natürlich kennt niemand den Canyoning-Einstieg für den oberen Teil. Den kennt erst der Helfer, der mit einer Plastik-Colaflasche voll weißer Farbe irgendwann im Dorf auftaucht – um den Weg zu markieren.

Auch durch die Sansapu Khola fließt gut Wasser, es wird allerdings nie zum Krite-rium. Abseiler folgt nach Abseiler, keiner ist höher als knapp 40 Meter. Ein Canyon ganz fürs Auge: In der Sonne leuchtet der Granit rötlich-orange, moosige Wände und Baum-farne am Schluchtrand geben tolle Foto-Motive.

Am Tag drei und dem unteren Abschnitt der Sansapu Khola wird es dann richtig offiziell: Rodolphe, einer der französischen Organisa-toren, ermahnt Rille, dass er den Rückweg vom Canyon nicht in Badehose laufen solle. Wegen fremder Kultur, Anstand und asiati-schem Schamgefühl. Rille beschließt, das Moralempfinden der Dorfbevölkerung künftig durch Tragen einer Funktions-Unterhose im Bermudaschnitt zu schonen.

Tag vier und um fünf fahren wir mit dem Jeep zu den Canyons: Gopte Khola und Dod Kabindra Khola. Der Jeep kostet für eine Viertelstunde Fahrt One-Way 25 Euro, das sind fünf Tageslöhne für einen Träger auf dem Annapurna-Trail, zehn Everest-Bier oder 50 Milch-Kaffee. Elke schlägt vor diese Ausgabe unter „Entwicklungshilfe“ zu verbu-chen. Die Canyons haben Pritschel-Wasser und einige schöne Abseiler, beim Gopte Khola sind es am Schluss sogar zweimal 70 Meter hintereinander. Beim Dod Kabindra zeigt uns ein halbes Dorf von Zuschauern, dass die Schlucht auch komplett trocken und ohne Aurüstung machbar ist: Schulkinder, Jugendliche und alte Männer mit Wickelrock und Topi, dem rautenförmigen National-Käppi, klettern in ihren Gummischlappen die ganze Canyon-Strecke in den Schluchthän-gen neben uns her. Nach der Tour - bevor wir wieder in den Jeep steigen und Entwick-lungshilfe leisten - laufen wir am anderen Ufer des Marsyangdi flussaufwärts zu den heißen Quellen von Tatopani. Direkt am Fluss-Ufer tritt hier heißes, schwefelhaltiges Wasser aus dem Felsen und strömt, vorbei an einem kleinen Schrein, in angelegte Badebecken.

Am sechsten und letzten Tag beschließen wir für eine halbwegs vollständige Erfor-schung des Gebiets die Gruppe zu teilen. Elke, Manuel und Wolfgang erkunden mit einer regelrechten Flut von hübschen Grie-chinnen den Tarwali Canyon, der gleich hinter den Feldern bei der Rainbow Lodge beginnt. Michael, Rille und ich bilden mit den zurückgelassenen Männern der Griechinnen ein Syange-Team, das erste wohlgemerkt an diesem Tag, was uns stundenlanges Warten vor und in den hohen Abseilern erspart.

Vor den hohen Abbrüchen wartet der sport-liche Teil der Syange Schlucht auf uns. Viel Wasser fällt hier über kleinere Stufen in sprudelnde Becken. Ein beherzter Schritt über den Wasserstrahl hier, eine zur allgemeinen Erleichterung schon eingerich-tete Seilbahn dort und dann stehen wir schon an der letzen der Abseilstelle vor der hohen Kante. Rund zehn Meter geht es hier in ein Becken, dessen Abfluss ein riesiger Fels blockiert. Unter dem Fels schießt das Wasser der Syange-Schlucht heraus und fällt 130 Meter durch die Luft nach unten. Doch auch in diesem Becken muss niemand schwimmen, um den Siphon sicher zu um-gehen ist ein Seilgeländer installiert.

Den hohen Abbruch seilen wir in drei Ab-schnitten neben dem Wasser ab. Beim letz-ten Abschnitt mit etwa 60 Meter Abseilhöhe richten wir vom Umsteiger eine Seilbahn zu einem großen Block am Fuße des Wasser-falls ein, um das Seil vor Schäden durch scharfe Kanten zu schützen. Unten em-pfängt uns eine fast unwirkliche Vegetation. Durch den ständigen Sprühnebel vom Wasserfall ist der ganze Boden mit dichtem, hellgrün leuchtenden Schlingkraut überzo-gen.

Die kleineren Abbrüchen – Rampen über die das Wasser mit voller Wucht schießt –   zwi-schen dem 130er und dem 90-Meter-Schlusswasserfall umgehen wir zum Großteil über einen linksufrigen Pfad. Kurz vor dem Finale fängt es dann – aus Gründen der Dra-maturgie vermutlich – noch an zu gewittern. Gegenüber in der Rainbow Lodge beobach-ten die Rückkehrer aus anderen Canyons uns und die anderen Teams in den verschie-denen Stufen der Syange Khola. Unten am Fuß des 90ers erwartet uns das nepalesische Fernsehen.

Was für ein Aufwand, und doch nur ein Vor-geschmack auf den nächsten, nun wirklich letzten Tag. An dem kommt extra der stell-vertretende Tourismus-Minister mit einem Hubschrauber aus Kathmandu. Für den Flug hat die nepalesische Canyoning-Vereinigung 4000 Dollar bezahlt, aus Gründen der PR für den Verband, in dem hauptsächlich kommerzielle Anbieter vertreten sind, wegen guter Tourismus-Geschäfte und Ähnlichem. Der Hubschrauber landet im brachen Reis-feld hinter der Rainbow-Lodge. Kishore Tapa, der Minister-Vertreter, zieht sein bei-gerotes Topi auf dem Kopf zurecht, steigt aus und stolpert die holprigen Steinstufen hinunter ins Festzelt am Fluss für eine kurze Ansprache bei der Abschluss-Zeremonie dieses nepalesischen Canyoning-Kraftakts mit gut 170 Teilnehmern aus 12 Nationen. Das überpegelte Mikro fiept, der Marsy-angdi-River rauscht hinter der Zeltplane. Er freue sich, dass wir hierher gekommen seien, sagt der Minister. Und: „Sagt euren Freunden in Europa, dass es in Nepal tolle Schluchten gibt.“

Allgemeine Infos zum Canyoning in Nepal

In Nepal gibt es viele lohnende Schluchten fürs Canyoning. In den letzten 10 Jahren haben französisch-nepalesische Teams eine Menge Pionierarbeit geleistet und Schluch-ten eingesichert. Darunter auch die weltweit bisher höchste Canyoning-Tour: Naar Phu (Manang Distrikt) mit Einstieg auf 5215 Metern. Nach wie vor gibt es natürlich auch noch viel Neuland.

Gut und schnell erreichbar sind die Canyons in der Nähe von Kathmandu. Diese werden auch bevorzugt von den Outdoor-Agenturen vor Ort angeboten. Die Touren des Inter-nationalen Treffens 2011 liegen im Marsy-angdi-Tal im Umkreis der Orte Syange /Ghermu – auf den ersten Tagesetappen der berühmten Annapurna-Umrundung. Syange erreicht man auf einer nichtasphaltierten Piste von Besi Sahar (etwa zwei Stunden mit dem Bus oder Jeep, je nach Witterung auch länger oder unmöglich). Besi Sahar ist per Bus von Kathmandu oder Pokhara zu erreichen (Fahrt jeweils mindestens sechs Stun-den). Im Frühjahr 2011 endet die befahr-bare Piste bei Syange bzw. Chamje, der Straßenbau talaufwärts wird aber unermüd-lich vorangetrieben.

Als Gesteinsarten findet man in den Schluchten Granit, Gneiss oder geologisch verwandte Gesteinstypen. Die Canyons führen fast durchweg Wasser. Das Frühjahr (März, April) dürfte für Begehungen die beste Zeit sein, da später der Monsun beginnt. Die Temperaturen in Syange liegen Anfang April bei 25 Grad am Tag und etwa 12 Grad in der Nacht.

Unterkunft und Verpflegung ist in kleinen Lodges möglich (Zimmer/Bett für umge-rechnet 2 Euro am Tag/ Frühstück und Abendessen + Getränke für etwa 8 Euro). Man sollte allerdings keinerlei Luxus erwarten und einen Schlafsack mitbringen.

Beschreibungen der Canyons gibt es in einer kleinen Topo-Broschüre vom Treffen, die über die DCV-Bibliothek erhältlich ist. Weitere Beschreibungen verzeichnet descente-canyon.com. Infos gibt es auch unter: nepalcanyoning.org.np (NCA) oder himalayan-canyon-team.blogspot.com. Die NCA hilft auch gerne bei der Durchführung von Canyoning-Trips oder Expeditionen in Nepal (Transport, Logistik usw.)

Die Touren bei Syange lassen sich gut mit Trekking auf dem Annapurna-Trail, der Manaslu-Umrundung, einem Ausflug ins Annapurna-Basecamp (von Pokhara), einer 6000er Besteigung oder mehr verbinden.

Kathmandu ist per Flugzeug mit mindestens einem Zwischenstopp von Deutschland erreichbar (reine Flugzeit etwa 11 Stunden). Wir haben Oman Air und India Air ausprobiert. Der Flug mit Oman Air über Muscat erschien uns wegen kulanter Freigepäck-Regelung (30kg Freigepäck + 5kg Trekking-Gepäck (extra vorher anmelden!) und pünktlicher Flugzeiten etwas angenehmer. Flugpreise beginnen bei etwa 600 Euro Hin- und Zurück. - Sandra Rauch -