Wir hangeln uns an dicken Wurzeln und ein paar notdürftig angebrachten Seilen über einen schlammigen steilen Pfad bergab. Warum haben wir bloß das Seil aus dem Canyoningrucksack nicht mitgenommen? Doch spätestens seitdem man einen Tarzanfilm gesehen hat, weiß man, dass Lianen und Wurzeln halten. Richard hat uns nicht zuviel versprochen.

Der Strand ist einsam, romantisch und ein idyllischer Wasserfall stürzt sich ins Meer hinab. Postkartenkitschig. Wavine Cyrique Falls heißt dieser Geheimtipp. Der Canyon, der darüber liegt, ist noch nicht erforscht. Wie so vieles auf der Insel Dominica.

Wir sind an der Ostküste, auch du Vent – windig genannt, gekennzeichnet durch viel Wind, wenig Sandstrand und steile Klippen, die den Wellen des Atlantischen Ozean trotzen. Dominica zählt zu den ursprünglichsten und wildesten Inseln der Antillen. Sie hat keine breiten und endlos langen Sandstrände und so blieb sie bisher vom Massentourismus verschont. Auch gibt es keine interkontinentalen Flüge hierher.

Am günstigsten ist ein Inlandflug von Paris auf die französische Nachbarinsel Martinique im Süden oder Guadeloupe im Norden ab 380 Euro. Von beiden Inseln gibt es regelmäßige Fährverbindungen nach Dominica, das ein unabhängiger Mitgliedstaat des Commenwealth ist.

Wir wussten wenig. Nur soviel, dass Sandra und Miriam schon mal hier waren und dass Miriam im Titou Gorge war. Und, ganz wichtig: Name und Adresse von Richard, die uns ein Franzose gegeben hatte, der von diesem nur 750 qkm großen Land schwärmte in dem es immer herrlich warm sei.

Richard, in England geboren, ist Flugzeugmechaniker und Pilot. Und bringt Touristen oder Kranke nach Martinique. Beim Überfliegen seiner neuen Heimat haben ihn immer wieder die Flussläufe fasziniert. Und davon gibt es viele, angeblich 365 für jeden Tag des Jahres einen. Und so kam es, dass er zusammen mit seinem Freund Jeffrey in den ersten Canyon einstieg.

Jeffrey ist ein Schwarzer mit einem gewinnenden Lächeln. Die meisten der Einwohner sind Nachkommen von Sklaven die einst auf die Insel gebracht wurden. Seiltechnik war für beide ein Fremdwort, und so wurde kurzerhand ein Amerikaner engagiert, der normalerweise Alpinisten für die Besteigung des Mount Everest fit macht. Inzwischen ist aus der Faszination ein zweites berufliches Standbein geworden und das Unternehmen extremdominica, das regelmäßig Canyoning-touren anbietet. Sicherheit steht an erster Stelle und so bekommen die Gäste nicht nur eine gute Ausrüstung sondern auch eine Einweisung in die Abseiltechnik. Im Canyon selbst wird dann noch ein zweites Seil benutzt, dass die Gäste zusätzlich passiv sichert.                 

Der „Hauscanyon“ ist der mittlere Teil von Titou Gorge, unser erster Canyon auf der Insel. Per Jeep geht es auf einer holprigen Piste vorbei an Bananenstauden, Papayabäumen und riesigen Farnen bergauf zum Eingang des Aerial Tram, der Hauptattraktion für die Passagiere der Kreuzschiffe, die die Insel anlaufen. Christoph Columbus entdeckte die Insel im Jahre 1493 und weil es ein Sonntag war nannte er sie Dominica-Sonntag. Die Kreuzschiffe sind eine wichtige Einnahmequelle und so ist heutzutage Ruhetag, wenn kein Kreuzschifffahrtstag ist.

22 Gondeln einer ehemalige österreichische Seilbahn tragen jeweils 8 Passagiere durch die Wipfel der Urwaldriesen und ein speziell ausgebildeter Führer, der jede Gondel begleitet erklärt die Pflanzenwelt, über die man schwebt. Wer Glück hat sieht auch einen der seltenen Papageienarten. Giftige Tiere oder gefährliche Raubkatzen gibt es hier nicht, nur ein paar Boa Constructor sollen sich im tiefen Dschungel verstecken. Nahe der Bergstation gibt es eine Hängebrücke, an dieser geht es hinab in den Breakfast River Canyon. Doch dieser steht an einem anderen Tag auf dem Programm.

Titou Gorge begeistert. Das hätten wir in der Karibik nicht erwartet. Abseilstellen wechseln ab mit kleinen Sprüngen und bald erreichen wir einen dunklen Teil der so eng ist dass man kaum mehr den Himmel sieht. Bald sind wir an der sogenannten Kathedrale mit ihrem steineren Brückenbogen. Kurz darauf ist rechterhand ein Ausstieg entlang eines Zuflusses durch eine aufgelassene Plantage in der es herrliche Orangen gibt. Hier ist der mittlere Teil zuende. Wer große Wasserfälle mag kann ab hier in den unteren Teil einsteigen dessen Ende der mächtige Padre (Vater) Wasserfall ist. Unbedingt vorher besichtigen. Der Weg vom Ort Trafal-gar dorthin ist einfach zu finden, kostet aber Eintritt, denn der Platz an dem sich der Padre tosend in die Tiefe stürzt ist gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Reisenden. Wo ein Padre da auch eine Madre (Mutter), ein gigantischer Wasserfall daneben, der der Schlusswasserfall des Breakfast River ist. Und als drittes gibt es hier noch heiße Quellzuflüsse und alles fließt zusammen und bildet herrliche Badepools mit unterschiedlichen Temperaturen. So populär der Platz ist, so schlecht die Verkehrsverbindungen.

Wer ein Auto hat nimmt daher üblicherweise jeden mit, der an der Straße winkt. Und so lernen wir Octave, einen Rastafari auf dem Weg in die Hauptstadt Roseau kennen. Mehr als dreigeschossige Gebäude sieht man hier selten und sie erinnert eher an eine Filmkulisse denn an eine Großstadt. Die Straße führt direkt durch den Botanischen Garten mit einer Unmenge tropischer Pflanzen. Besonders lohnend ist ein kurzer Stopp an einem Brotfruchtbaum der den bisher schlimmsten Hurrican 1979 zwar überlebte aber einen Schulbus unter sich begrub. Damals wurden mehr als 10 000 Menschen obdachlos. Knapp 70 000 Menschen leben auf der Insel selbst, weitere 200 000 Dominikaner im Ausland, viele davon in Kanada. Sie schicken regelmäßig Geld nach Hause, denn die Arbeitslosigkeit ist groß.

Das Landesinnere ist gebirgig und von dichtem Urwald beherrscht, Plantagen sind wenig rentabel und Industrie gibt es kaum. Octave ist mit der Schweizerin Rahel verheiratet. In einem Garten Eden vermieten sie ein kleines Ferienhaus mit dem treffenden Namen hideout. Als Lohn für den Taxiservice wird unser Auto mit Kokosnüssen voll beladen. Rahel empfiehlt uns unbedingt die Wanderung zum Boiling Lake zu machen. Der kochende Kratersee ist der zweitgrößte der Welt mit über 60 Metern Durchmesser. Entdeckt wurde er erst 1870 von zwei Engländern. Das kalte Wasser das in den See fließt versickert im porösen Untergrund bis es auf heiße Lava trifft, die es nach oben steigen lässt.

Der See liegt im Morne Trois Pitons Nationalpark. Um dorthin zu kommen braucht man etwas Ausdauer für die tausenden von Stufen die zunächst steil hinauf auf ein Gipfelplateau führen und wieder steil hinab ins Valley of Desolation, einer kraterartigen Mondlandschaft mit Schwefelquellen.

Hier beginnt der Canyon White River der von einem französischen Team in zwei Tagen begangen wurde. Wir haben dieses Abenteuer nicht gewagt sondern sind dafür den Wotten River gegangen der auch schwefelhaltige Zuflüsse hat .

Heftige Regenfälle mit bis zu 5000 mm pro qm und ein Ansteigen der Wassermengen lassen uns dann die letzten Urlaubstage unter Wasser verbringen. Nur wenige Meter schnorchelt man im warmen karibischen Wasser vom Strand hinaus zu einem kleinen Korallenriff um das bunte Fischschwärme kreisen. Unheimlich und faszinierend zugleich sind unter Wasser blubbernde Blasen vulkanischen Ursprungs. Daher der Name Champain beach.

Es gäbe noch so viel zu erzählen, von den Cabrits, den wilden Ziegen, die einst von Seefahrern ausgesetzt wurden, damit die bei weiteren Landgängen Fleisch zum Essen haben, von den Indianern die hier noch leben oder von dem Rum der auch als Aftershave benutzt wird. Dominica ist eigentlich eine eher kleine Insel mit nur 45 km Länge und 20 km Breite und doch gibt es so viel zu bestaunen und noch so viel zu entdecken. Dominca war nie eine wohlhabende Kolonie aber sie hat einen unbezahlbaren Schatz: Flüsse in Trinkwasserqualität. Und für Canyonisten mit Entdeckergeist ist sie ein wahres Paradies.

- Elke Osswald -