Sollen wir oder sollen wir nicht??
Am 2. November 2002 diskutieren sechs Canyonisten bei strahlender Sonne und 24°C in San Luis de Sabinillas in Andalusien heftig beim Frühstück. Unterschiedlichste Meinungen prallen aufeinander, Argumente fliegen hin und her, sachliche und emotionale, ein Wort gibt das andere. Eine Lösung des Problems scheint nicht in Sicht.
Vier "Chiemgauer" Andreas, Artur, Günter und Lothar sowie Herbie und ich, reden sich die Köpfe heiß. Es geht um die heutige Schluchtentour. Materialeinsatz? Kein Problem. Maximaler Abseiler 8 m! Wasserstand? Kein Problem. Entweder es fließt an der ersten Stufe Wasser, dann umdrehen und nach Hause oder es fließt keines, dann "adelante". So jedenfalls steht es in der Beschreibung.
Worum geht es dann bei diesen hitzigen Diskussionen?
"Mysteriöse Erfahrungen" könnten uns bevorstehen bei der Abschlusstour einer abwechslungsreichen und in zweierlei Hinsicht sehr aktiven Canyoning-Woche in Andalusien, so steht es jedenfalls in der spanischen Tourenbeschreibung.
500 Euro Strafe Minimum, wenn wir beim Zustieg zur Schlucht erwischt werden sollten, mysteriöse Erfahrungen auf dem Zustieg, ja was denn noch alles. Und dann auch noch das Reptil.
Ernsthafte Gedanken werden beim Frühstück hin und her gewälzt, aber wir beschließen, die Tour trotzdem zu gehen.
Den Einstieg zur Schlucht des Rio Guadiaro in den Bergen von Ronda kannst du auf zwei Wegen erreichen. Entweder weit außen herum in zwei Stunden über die Berge oder in 45 Minuten. 45 Minuten, das heißt auf dem Gleis der Bahnlinie Algeciras - Granada zu laufen, auf dem Eisenbahngleis und durch 4 Tunnels, von denen der letzte 800m lang ist und sehr sehr dunkel.
Was, wenn der Zug kommt? Fragen nach dem Fahrplan am Bahnhof von El Colmenar macht dich erst recht verdächtig und du kannst die 500 Euro Strafe für das Betreten der Bahnanlagen ja gleich abdrücken.
Juan, der Verfasser eines Topos für diese Schlucht gibt auf seinen Internetseiten den entscheidenden Tipp: "Kommt ein Zug, wirf dich auf den Boden wie ein Reptil, drücke dich an die Seitenwand und lege den Schleifsack vor deinen Kopf - una esperienzia misteriosa".

Wir beenden unser Frühstück und beschließen, um den Berg herum zu laufen. Zwei Stunden anstelle von 45 Minuten. Der eine meint, keine Lust auf Reptil zu haben, der andere hat gerade keine 500 Euro zur Hand. Wir starten und fahren über die Küstenberge in Richtung Bahnhof von El Colmenar.
Herbie, einer der entschiedensten Reptiliengegner, wandelt sich während der Anfahrt langsam aber sicher vom Paulus zum Saulus. Schon während der Anfahrt testet er vorsichtig an: "eigentlich könnten wir doch...". Je näher wir zum Ort des Zustiegs kommen, desto mehr siegt die Aussicht eines um mehr als die Hälfte verminderten Zustiegs über die morgendliche Entscheidung.
Zwei Autos, voll mit Canyonisten und Schleifsäcken fahren über den Bahnübergang und rollen hinter dem Bahnhof von El Colmenar aus. Wir sehen die glänzenden Gleise hinten in die Schlucht verschwinden und wie auf Knopfdruck verkündet ein mehrstimmiger Chor von Canyonisten beim Öffnen der Autotüren unvermittelt: "Jetzt laufen wir doch durch die Tunnels und machen das Reptil!"
Wir verstecken unsere Autos etwas vom Bahnhof entfernt in einem Wohngebiet, packen wie Diebe möglichst unauffällig unsere Schleifsäcke, schleichen durch einen trocken Seitenbach über Müllhaufen zu den Bahngleisen vor und spähen nach rechts zum Bahnhof. Niemand da, also los! Mit raumgreifenden Schritten gleiten wir über den Schotter. Der erste Tunnel naht. Was sehen wir denn da vorne? Jede Menge Spaziergänger tummeln sich auf den Gleisen und noch weiter vorne dackelt eine Horde von Canyonisten hinter einem Veranstalter in den ersten Tunnel hinein. Und wir machen uns vorher so in die Hosen, dabei geht's hier zu wie in der Fußgängerzone. Der Adrenalinspiegel sinkt sofort, als wir den Veranstalter treffen. Der wird wohl ziemlich sicher wissen, wann die Züge fahren. Der letzte Tunnel, der lange, dunkle, der "Reptilientunnel" ist schon verdammt lang und dunkel. Mit Stirnlampen stolpern wir dem hellen Fleck weit vorne, dem Licht am Ende des Tunnels entgegen. Endlich sind wir durch und die strahlende Sonne empfängt uns mit ihren wärmenden Strahlen. Kein Zug, kein Reptil und eigentlich sind wir nun fast schon enttäuscht darüber.
Kurz nach dem langen Tunnel steigen wir zum Bach ab, der mit einem großen Gumpen beginnt, aber oberhalb trocken ist. Glücklicherweise, sonst hätten wir gleich umkehren können. Falls Wasser läuft, sollte man die Schlucht nicht begehen, denn ein riesiger eingeklemmter Felsblock bildet dann einen gefährlichen Siphon, der bei Trockenheit offen ist. Man kann dann bequem hindurchschwimmen, der Kopf passt gerade noch durch. Das stehende Wasser hat nicht immer eine erfreuliche Konsistenz, manchmal ist es eine richtige braune Brühe. Aber was soll's. Die Schlucht ist phänomenal, einmalig, megagigageil, eine der interessantesten in Europa. Tiefe Kolke, extreme Auswaschungen, unglaubliche Gesteinsformationen, dunkel, höhlenartig und das alles auf dem Rücken schwimmend zu beobachten.
Nach 3 Stunden sind wir draußen, wieder in der Sonne. Lothar und ich laufen auf dem von zwei Schienen eingefassten "Fußgängerhighway" zurück zu den Autos, die anderen hängen noch einige bis zu 300m lange Schwimmstrecken im Bach und einige Verhauer in der Macchia dran, um nach vorne zur Straßenbrücke zu gelangen.
Schön war's, spannend war's, nass war's, nur mysteriös und "Reptil" war's nicht. - Peter Neuhäusler -