Dienstag, 29.10.2002

Bei bestem Wetter starten wir (Herbert Fischer, Artur Hofmann, Günter und Lothar Forstmair und Peter Neuhäusler) von unserer Finca in Salobrena: über Orgiva - Caratunas ..., nach der Abbiegemöglichkeit (links Richtung Soportujar) noch auf der Hauptstraße 1,8 km weiter. Während Lothar und Peter ein Auto zum Ausstieg bringen, haben wir viel Zeit uns in der Sonne zu räkeln oder das traumhafte Panorama der Sierra Nevada zu bewundern.
Dann geht's los: Wir steigen einem undeutlichen Pfad folgend 200 Höhenmeter zum Schluchtgrund ab. Nach 20 Minuten sitzen wir am Ufer des breiten Bachlaufes und schlüpfen in unsere Ausrüstung. Kurz werden noch die Seile überprüft: Zwei mal 20 Meter und einmal 30 Meter haben wir dabei.
Viel Wasser - aber aufgrund der Breite des Baches sicherlich kein Problem.
Die Tour beginnt harmlos mit einer Abseilstrecke von 25 Metern. Dann allerdings verengt sich die Schlucht immer mehr, aus unserem ruhig dahin fließenden Bach ist echtes Wildwasser geworden das sich schäumend zwischen Felsblöcken hindurchzwängt und enge Rinnen wie in einer Bobbahn hinunterschießt.
Es folgt ein 7-Meter-Abseiler, mit dem man den Abstieg im tosenden Wasserlauf umgehen kann. Artur hat die glorreiche Idee, dass man hier doch bestimmt super rutschen könne: Nach Canyoningmethode nimmt er die Seilstränge unter die Achseln und ist nach wenigen Metern plötzlich in der Gischt des Wasserfalls verschwunden. Drei Minuten, vier Minuten sind vergangen und Artur taucht nicht wieder auf. Andreas, der noch oben steht versucht trotz des starken Wassers in der Rinne so nah wie möglich an diese Stelle hinzuseilen um Artur zu Hilfe kommen zu können - vergebens. Ab und zu verspürt er einen schwachen Zug am Seil aber Artur bleibt verschwunden.
Ich beobachte das Ganze von unten, habe keine Möglichkeit hinaufzugelangen um zu helfen. "Jetzt fliegen wir nur noch zu fünft heim" denke ich mir.

Plötzlich steht Artur neben uns, mit einem Grinsen im Gesicht. Er erzählt uns, dass seine Rutschpartie nach einem großen Block mit einem Sturz in einen drunter liegenden wasserlosen Raum geendet hat. Da sich das Seil verklemmt hatte konnte er zuerst nicht mehr weiter.

Glück gehabt!!!
Bald wieder eine Kaskade. Der Wasserlauf strömt durch eine enge, S-förmige Rinne und stürzt dann tosend in ein Becken. Etwa 7 Meter Höhenunterschied, aber der Wasserlauf sowie das Becken sind von oben nicht einzusehen.
Mit viel Selbstvertrauen gehe ich die Sache unverzüglich an. Über dem Wasserlauf spreize ich ab und gelange an eine horizontale Stelle, wo ich links an der Wand einen Bohranker entdecke. "Soll ich ihn verwenden???" - Weg bin ich! Mit voller Wucht reißt mich das Wasser mit und wirft mich in einen kreisförmigen, tiefen Gumpen.
Zuerst sieht die Sache harmlos aus, aber dann entpuppt es sich als "Kehrwasser" der übelsten Sorte. Ich schaffe es einfach nicht, den rettenden Abfluss zu erreichen: Wasserfall - Strömung - knapp am Ausfluss vorbei - wieder zurück zum Wasserfall und dort kräftig unter Wasser gedrückt. Zweite Runde ... Am Seil etwas hochgezogen, nach Luft geschnappt, das viel zu lange Seil hat sich um meine Beine gewickelt ... Runde 3 ... ... ... Runde 20!
Meine Kraft schwindet! Keine Rufverbindung nach oben im Lärm des tosenden Wassers!
So laut ich kann rufe ich immer wieder "Kehrwasser". Schließlich schreie ich aus Leibeskräften um Hilfe.
Dann schaffe ich es doch noch den Rand des Beckens und damit den rettenden Abfluss zu erreichen. Ich lasse mich vom Wasserstrahl durch die Rinne hinaus in die Freiheit spülen.

Die Anderen hatten von diesem Vorfall nur wenig mitbekommen.

Andreas berichtet dazu:
Günter setzt seinen Abseilachter ins Seil. "Pipifax" entgegnet er uns, als wir vorschlagen die bereits eingebaute Seillänge sicherheitshalber noch zu reduzieren. Dann stehe ich mit den Übrigen oben und warte bis das Seil zugfrei wird.
Dass das so lange dauert kommt mir schließlich "spanisch" vor und so hänge ich mich in das immer noch nicht zugfreie Seil und arbeite mich hinab. Bei einer kleinen Horizontalstufe entdecke ich einen von Günter nicht genutzten Bohrhaken und richte eine Zwischensicherung ein. Auch von hier ist der darunter liegende Teil des Wasserlaufes nicht einsehbar, von Günter immer noch keine Spur! Wo steckt er denn? - Da höre ich undeutlich seine Stimme: "Andreas! Kehrwasser!"
Will er mich vor dem Topf warnen? Ist er selbst in Gefahr?
Schnell versuche ich das Seil einzuholen um die Lage zu sondieren. Aber, verdammt, das Seil ist übel verknotet und zudem immer wieder unter Zug!!! Jetzt das Seil mit Gewalt einholen? Ist Günter etwa noch im Kehrwasser? Was, wenn sich seine Beine im Seil verfangen haben? Dann würde ihm doch der Seilzug den Oberkörper ins Wasser drücken!!!
Jetzt kommt Artur zum Zwischenstand. Er hat von oben gehört, dass Günter um Hilfe ruft. Das hinabführende Seil ist inzwischen zugfrei und wir können es gemeinsam einholen und die vielen Knoten entwirren.

Damit ist der Weg für eine Rettungsaktion frei: Wir wollen einen Seilstrang mit einem Schleifsack als Treibanker auszuwerfen. Von dieser Seilbahn geführt können wir dann am anderen Seilstrang in den uneinsehbaren Topf hinabfahren um Günter zu helfen..
In diesem Moment erscheint Günter weiter unten im Bachlauf: Er winkt herauf - alles o.k. !!

Wahrscheinlich haben Andreas und Artur durch ihr Stehen im Wasserlauf den Strahl so abgelenkt, dass sich die Strömung im Topf geändert hat. Vielleicht konnte ich darum den rettenden Abfluss erreichen - oder ich hatte einfach einen "Schutzengel".
Kreidebleich, das heißt Kreide ist dunkel im Vergleich zu meiner Gesichtsfarbe, gebe ich das O.K.-Zeichen nach oben.

Nun sind die Anderen an der Reihe. Per Seilbahn wird der gefährliche Topf durchquert, die Sache klappt gut. Peter hängt sich ungebremst in die Seilbahn und donnert durch die Gischt. Auch Lothar hat keine Probleme. Der Pechvogel ist Herbert: Beim Einhängen in die Seilbahn umfasst er versehentlich mit der Sicherungsschlinge einen Seilstrang und bleibt prompt in stärkster Wasserströmung hängen. Dem beherzten Zugreifen von Artur ist es zu Verdanken, dass er schließlich wohlbehalten unten ankommt.

Nicht stehen bleiben - weiter - weiter! Die Zeit drängt denn es liegt noch ein großes Stück der Schlucht vor uns und wir wollen nicht in die Dunkelheit kommen.
Ich gehe wieder voran, möchte auf diese Weise das gefährliche Erlebnis überwinden. 
Die nächste Steilstufe. Unter mir wieder ein strudelnder Topf. Vorsichtig versuche ich neben diesem an glitschiger Wand circa 5 Meter abzuseilen. Zack ... ausgerutscht! Wieder im Kehrwasser!!! Ist heute mein Glückstag? 
Nach ein paar Zwangsrunden kann ich auch diese Gumpe überwinden. Jetzt hat mich mein Tatendrang endgültig verlassen! Sollen andere in den "Genuss" kommen den Bachlauf als Vorauskommando zu erkunden. Noch sind wir nicht am Ausstieg beim Kraftwerk angelangt aber die Dämmerung kündigt sich bereits an. Eine letzte etwa 20 Meter lange, enge Horizontalrinne wäre noch zu überwinden. In der Mitte zeichnet sich im Wildwasser ein großer Klemmblock ab, der sicher sehr gefährlich werden kann. Nichts mehr für uns!
Wir entscheiden uns für sofortigen Ausstieg. Linkerhand kann ich weglos die Felswand erklettern und erreiche die parallel geführte Wasserleitung. Gesichert können die Kameraden nachsteigen. Nach zehn Minuten haben wir das Auto erreicht.
Dort beginne ich, das im Übermaß geschluckte Schluchtenwasser mit Bier zu neutralisieren. Erst nachdem ich im weiteren Verlauf des Abends mehr als zwei Liter Gerstensaft zugeführt habe hat der Magen den Schock vom Nachmittag überwunden.

Die Moral der Geschichte:

Bei dieser Tour haben ich und hoffentlich auch meine Kameraden mehr gelernt als man sich irgendwie theoretisch aneignen könnte.

Unterschätze niemals ein Kehrwasser !!!
Die gröbsten Fehlerquellen waren:

1. Die Informationen über diese Schlucht waren so unpräzise, so dass wir den Wasserstand nicht richtig einschätzen konnten.

2. Wir hätten wiederholt unbedingt das Seil ablängen sowie per Treibanker von vorneherein eine Seilbahn anlegen müssen.

3. Aufgrund unserer geringen Erfahrung mit "Wildwasser" konnten wir die Situation oft nicht richtig einschätzen. Demzufolge begegneten wir gefährlichen Passagen nicht immer mit dem gebührenden "Respekt"

4. Entsprechend der Situation wäre ein Wurfsack sehr hilfreich gewesen.

- Günter Forstmair / Andreas Schlechta -